Am 07.08. wurde in der autonomen Gemeinde “6. August” ein Unterstützer der zapatistischen Bewegung von drei Paramilitärs umgebracht. Auf seiner Milpa arbeitend wurde der Compañero José Lopez Santiz mit acht Kugeln, vor den Augen seiner fünf und sechs Jahre alten Kinder, von den aus Altamirano stammenden Paramilitärs Benjamin Montoya Oceguera, Baltazar Alfonso Utrilla und Belisario Castellanos Gomez erschossen. Am 19.08 kam es in Altamirano zu einer Demonstration von hunderten Unterstützern der Zapatisten, auf der Gerechtigkeit für den Tod von José Lopez Santiz gefordert wurde. Die Zapatisten forderten dabei auch die Umsetzung der Verträge von San Andrés und damit auch die Möglichkeit, traditionelle indigene Rechtsprechung anzuwenden, in der in so einem Fall keine konventionelle Gefängnisstrafe sondern die Unterstützung (Sicherung des Lebensunterhaltes) der Familie des Ermordeten durch die Täter vorgesehen ist.
Bedingt durch die angespannte Lage besteht eine erhöhte Notwendigkeit an Menschenrechtsbeobachtern, die zur Sicherheit der autonomen zapatistischen Gemeinden in diese Region geschickt werden. Also nahm ich am 20.08. an der Vorbereitung für den Aufenthalt in einer Gemeinde des Konfliktgebietes teil. Seit ungefähr Anfang August hat die Basis der Zapatisten innerhalb ihrer autonomen Bezirke Straßensperren errichtet. Mit Hilfe dieser soll folgendes erreicht werden: 1: Stop der illegalen Abholzung gefährdeter, seltener Holzarten 2: Stop der Zirkulation einer großen Anzahl gestohlener Fahrzeuge 3: Durchsetzung des Verbotes von Alkohol und Drogen innerhalb der autonomen Gebiete. Meine, ganz persönliche Einschätzung ist, dass durch die Straßensperren ebenfalls die Bewegungsfreiheit und der Terror der paramilitärischen Gruppen gegen die zapatistische Zivilbevölkerung eingeschränkt werden soll.
Ich wurde als Teil einer sechsköpfigen Gruppe von Menschenrechtsbeobachtern in das Municipio San Manuel, in die Gemeinde Nuevo Guadalupe, Quexil, ca. eine Stunde von Ocosingo entfernt geschickt. Am Montag, den 19.08, zwei Tage vor unserer Ankunft, kam es in dieser Gemeinde zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Paramilitärs aus Montelíbano und den Bewohnern der Gemeinde. Gegen sechs Uhr morgens kam eine Gruppe von fast 200 Mitgliedern der paramilitärischen Organisation OPDIC an der Kreuzung (mit Straßensperre) des Dorfes an. Zuerst wurde aus der Gruppe der Paramilitärs heraus das Zapata und Sub Marcos tragende Ortsschild mit Steinen beschmissen, dann drang ein Teil der Paramilitärs in ein an der Strasse liegendes Wohnhaus ein, beraubte die Bewohner und zerstörte die Einrichtung. Als die Dorfbewohner mit Macheten und Stöcken bewaffnet, dem täglichen Arbeitsgerät eines Campesinos, zusammenkamen, um sich und ihr weniges Hab und Gut zu verteidigen griffen die Paramilitärs zu Schusswaffen.
Im anschließenden “Gefecht” zwischen den beiden Gruppen kam es zu erheblichen Verletzungen. Neben etlichen Verletzungen durch Steine und Schläge an Gesichtern und Körpern sind drei Zapatisten durch Kugeln aus Kaliber-22 Gewehren verletzt worden. Ein Compañero hat einen Durchschuss des rechten Unterschenkels, der zweite einen Steckschuss links etwas oberhalb des Beckens, der dritte Compañero hat einen Durchschuss des rechten Oberarms sowie einen Steckschuss links etwas unterhalb des Schulterblattes. Diese Kugel konnte nicht entfernt werden und steckt noch immer in der Lunge des Opfers. Der erste der drei wurde mehr schlecht als recht (oberflächliche Wunde, eine Salbe ist vollkommen ausreichend…) im staatlichen Krankenhaus von Ocosingo behandelt, die beiden anderen sind in einer Station der “Ärzte ohne Grenzen” operiert worden. Unter den hygienisch schlechten Bedingungen, in denen sie leben ist der Heilungsprozess sehr schlecht und sie erholen sich nur langsam. Auf Seiten der paramilitärischen Gruppe kam es zu drei Verletzten, einer davon schwer. So stellte sich für uns die Situation in der Gemeinde dar als wir ankamen.
Vom 21.-27.08 ist es zu großen Militärbewegungen zwischen den Camps bei Ocosingo und bei Montelíbano (durch unsere Gemeinde hindurch) gekommen. Besonders zu erwähnen sind ein Konvoi am 25.08., bestehend aus 12 Militärfahrzeugen und ca. 165 Soldaten von Ocosingo nach Montelíbano, sowie ein Konvoi am 26.08. bestehend aus 42 Militärfahrzeugen und ca. 275 Soldaten in die entgegengesetzte Richtung. Interessant ist besonders ersterer, da innerhalb dieses Konvois 5 zivile Wagen mit Paramilitärs gefahren sind, die so umgehen konnten, an der Straßensperre in unserer Gemeinde angehalten und kontrolliert zu werden.
In dieser Zeit sind wir informiert worden, dass am 01.09. eine Versammlung der paramilitärischen Gruppe OPDIC in Montelíbano stattfinden wird. Es sei daher zu befürchten, dass es innerhalb des Monats September zu einem direkten Angriff auf Nuevo Guadalupe kommen wird. Aus diesem Grunde stellte sich für uns Campamentistas die Frage, wie wir uns verhalten werden, falls dies noch während unseres Aufenthaltes in der Gemeinde (bis zum 06.09.) der Fall sein sollte. Es stehen prinzipiell immer zwei Möglichkeiten zur Auswahl, entweder, uns rechtzeitig evakuieren zu lassen, oder, in der Hoffnung, dass unsere Anwesenheit einen (wenn auch kleinen) Faktor der Sicherheit für die Bewohner der Gemeinde darstellt, zu bleiben. Nachdem uns die Verantwortlichen versichert hatten (in dem Fall unseres Bleibens), dass, falls die Situation zu gefährlich für uns werden sollte, wir an einen sicheren Ort gebracht würden, von dem aus wir beobachten könnten, was im Dorf passiert, haben wir uns gemeinsam entschlossen, in dem eventuell eintretenden Fall zu bleiben.
Ein Tag später, der 27.08.: Wir werden von dem Verantwortlichen um 22:15 Uhr informiert, dass sich drei- bis vierhundert Mitglieder der Gruppe OPDIC in Montelíbano sammeln. Der schwer verletzte Paramilitär ist an seinen Verletzungen erlegen. Durch den Tod des Paramilitärs ist ein sofortiger, direkter Angriff auf die Gemeinde mehr als wahrscheinlich geworden. Sie werden gegen Mitternacht Richtung Nuevo Guadalupe aufbrechen. Es ist eine lange und schlaflose Nacht. Wir Campamentistas sitzen zusammen und reden. Was wird der nächste Morgen bringen? Montelíbano ist ungefähr fünf Stunden über Schotterpiste entfernt, was bedeutet, dass die Paramilitärs hier kurz vor Morgengrauen eintreffen werden. Während der Nacht bekommen wir widersprüchliche Informationen, dass die Frauen und Kinder das Dorf verlassen werden und auch wir evakuiert werden sollen. Letztendlich werden wir in der Gemeinde bleiben. Die ganze Nacht über kommen viele, sehr viele Zapatisten aus den umliegenden Gemeinden zusammen, um Nuevo Guadalupe gegen den erwarteten Angriff zu verteidigen. Um 3:30 Uhr werden wir benachrichtigt, dass die Paramilitärs noch 10 km entfernt sind und wir uns bereithalten sollen. Schnell sind wir aus unseren Hängematten heraus, für die wenige Zeit, die wir geschlafen haben (wenn überhaupt), war es unnötig unsere Kleider auszuziehen. Warten. Ungewissheit. Hoffen, dass alles gut geht. Die Zapatisten haben sich entschlossen, sich entlang der Strasse, vor den Häusern (zum Schutz derselben) aufzustellen. Sie wollen die Strasse nicht blockieren und den Paramilitärs eine ungehinderte Durchfahrt ermöglichen, um sie nicht unnötig zu provozieren. Wir warten.
Um 5:30 Uhr kommt endlich die erlösende Nachricht, dass die Paramilitärs auf den letzten Kilometern gestoppt und umgedreht haben. Die Gefahr eines Angriffs ist vorbei. Sinnloses Blutvergießen konnte nochmal verhindert werden. Durch die gute und schnelle Organisation, das Zusammenziehen einer grossen Anzahl zapatistischer Unterstützer aus den umliegenden Gemeinden in nur wenigen Stunden, sind die Paramilitärs wohl überrascht und abgeschreckt worden und haben sich dann wieder zurückgezogen. Nach dieser Nacht ist für die nächsten sieben Tage kein einziges Militärfahrzeug durch die Gemeinde gefahren.
Verschiedenste paramilitärische Gruppen haben innerhalb des letzten Monats angekündigt, eine nach der anderen Autoridad der autonomen zapatistischen Gemeinden und Kreise zu eliminieren, bis keine mehr am Leben ist. Am Morgen des 25.08 sind im Municipio Ricardo Flores Magon in der Gemeinde Amaytik zwei Autoridades bei einer Versammlung in einer Schule von Paramilitärs ermordet worden. Ihre toten Körper sind von ihren Mördern dem Militär übergeben und von diesem mit einem Helikopter ausgeflogen worden. Bis heute sind ihre Leichname nicht wieder aufgetaucht. In der Nacht des 26.08 ist im Municipio Olga Isabél, in der Gemeinde K’an Akil eine weitere Autoridad ermordet worden. Die Täter gehören einer paramilitärischen Gruppe namens “Los Aguilares” an. Der gleichnamige Kopf der Gruppe ist ein ehemaliges Mitglied der mexikanischen Bundesarmee, woher auch die Waffen der Gruppe stammen.