Bericht aus einer Gemeinde

Nov 2007

Hallo ihr Lieben!

bericht aus chiapasHeute bin ich aus dem campamento zurückgekehrt, gesund, guter Dinge und voll neuer Eindrücke. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll…
Ich glaube, ich habe zum ersten Mal wirkliche Gemeinschaft in größerem Rahmen erlebt. Die Gemeinde in der ich war ist durch die gemeinsame Geschichte von Kampf und Vertreibung sehr stark zusammengewachsen, die Menschen sind äußerst solidarisch und respektvoll. In Versammlungen wird über alle Belange gemeinsam entschieden, und zwar nicht mit Abstimmungen, bei denen eine Minderheit unterdrückt wird, sondern es wird so lange diskutiert, bis sich alle einigen. Und es funktioniert. Der Umgang mit den Kindern ist auch sehr respektvoll, sie werden höflich angesprochen, ihnen wird zugehört. Die Schule ist autonom und zapatistisch. Die Kinder können kommen und gehen, wann sie wollen. Aber sie kommen, sogar am Wochenende, zum spielen und lesen und lernen. Ihr seht, ich bin wirklich richtig beeindruckt. Ich habe mit mehreren Leuten sehr interessante Gespräche geführt und viel über die zapatistische Bewegung und die autonomen Gemeinden gelernt. Die Leute sind alle so politisch, auch die Kinder. Ich war immer wieder überrascht. Und es war so angenehm, dass gar kein Alkohol getrunken wurde.

An fünf Tagen haben wir die Männer des Dorfes auf die kollektiven Felder zur Maissaat begleitet, falls es zu Provokationen von Seiten der feindlich gesinnten Nachbarn kommen sollte. Auch die riesige Militärkaserne und die Militärkontrollen auf den Straßen lassen nicht vergessen, dass diese Menschen in ständiger Bedrohung leben. “Wir sind umzingelt” meinten sie manchmal “aber wir werden dieses Land nicht mehr verlassen, und sollten wir es mit dem Leben bezahlen.” Die Maissaat wurde nach alter Mayatradition gemacht, mit vorhergehenden Gebeten an den christlichen Gott und an die Mutter Erde. Die Frauen ernteten gemeinschaftlich, aber nicht während ich dort war. Die Versammlungen waren manchmal nach Geschlechtern getrennt, manchmal zusammen, je nach Anliegen. Zur solidarischen Unterstützung kamen immer Zapatisten aus umliegenden Gemeinden und blieben einige Tage. Sie halfen bei der Wache, die an 4 Punkten Tag und Nacht gehalten wurde, und bei schwereren Arbeiten wie Rodungen.

Wir haben viel mit den Kindern gespielt, in der Pause und nachmittags, was sehr vergnüglich war. Außerdem habe ich öfter Frauen in ihren Häusern besucht, um ein wenig zu plaudern. Ich habe dort auch gelernt, Tortillas zu machen. Oder wir sind zum Fluss spaziert, um uns und unsere Wäsche zu waschen, letzteres meist im Wasser liegend, weil wir gar zu arg von Mücken geplagt wurden. Wir haben Regenwasser getrunken und auf Feuerholz gekocht, was wir selbst gesucht haben. So waren wir eigentlich immer beschäftigt und es wurde nie langweilig. Außerdem sind wir meist vor acht schlafen gegangen. Es gab ja keinen Strom und wir waren dann auch müde. Geschlafen haben wir in Hängematten in einem halboffenen Haus. Es hat viel geregnet und war auch manchmal kalt, aber nicht zu sehr.

Einmal habe ich am Schulunterricht teilgenommen, das war sehr interessant: nicht eine Minute Frontalunterricht. Die Größeren lehren die Kleineren oder lernen in kleinen Gruppen, so lernen sie gleichzeitig lehren und können später selbst unterrichten. Es ist ein großes Durcheinander von Fächern und Aktivitäten, aber alle sind interessiert und wissbegierig und niemand lernt, zu gehorchen.

Einmal haben einige der Nachbarn, die zum Teil in einer Vereinigung sind, die dabei ist, sich zu einer paramilitärischen Organisation zu entwickelt, und zum Teil Unterstützung von der Regierung bekommen, ein Zuckerrohrfeld der Gemeinde angezündet, das vor drei Wochen angelegt worden war. Die zapatistische Wache hat es gesehen, aber sie haben gewartet, bis sich die anderen zurückgezogen haben, um das Feuer so gut wie möglich auszuschlagen. Sie haben keine Wahl. Das Militär ist direkt daneben, sie wären auf jeden Fall unterlegen, wenn sie sich wehren würden. Wir haben Fotos gemacht und einen Bericht geschrieben. Dann haben sie erstmal eine ordentliche Partie Fußball gespielt, sie scheinen an diese Art von Provokationen wirklich gewöhnt zu sein. Aber das Schlimme ist, dass sie richtig arm sind, und es verheerend ist, wenn sie ihre Ernte verlieren. Sie essen fast nur Mais, haben kaum richtige Kleidung und Schuhe.

Ich habe die Menschen dort sehr ins Herz geschlossen und bewundere sie dafür, wie sie mit dieser Situation umgehen. Ich mochte es auch, mit compañera angesprochen zu werden und zapatistische Lieder zu singen. Na, ein wenig Revolutionsidylle darf ja auch dabei sein :) .

Gut, ihr Lieben, so viel für heute. Ich muss jetzt auch schlafen, es ist schon 8 :)
Ich wünsch euch alles Gute!
Viele liebe Grüße