Bericht vom Einsatz im Naturschutzgebiet

Jan 2008

 

Hallo ihr Lieben,

jetzt ist es soweit und ihr bekommt endlich meinen Bericht über meinen zweiten Aufenthalt in einer Gemeinde. Also, ich war vom 16.1. bis 30.1. in einer Gemeinde, die nicht weit weg von San Cristóbal liegt…vielleicht ne halbe bericht aus chiapasStunde mit einem der kleinen typischen Kollektivbusse. Vorher mussten wir natürlich erst zur “Guten Regierung”, um dort vorzusprechen und nochmals ein Papier abzuholen, mit dem unser Aufenthalt in der Gemeinde erlaubt und bestätigt wurde.
Die Gemeinde ist eine gemischte Gemeinde und nur ein kleiner Teil der Bewohner sind Zapas. Probleme innerhalb der Gemeinde gibt es weniger oder laut eines Compas gar keine. Das Thema dort vor Ort ist die Natur, die unglaublichen Naturressourcen und der Schutz der seit Jahren und Jahrzehnten bewohnten und genutzten Territorien, die neben dem Umweltaspekt sicherlich auch anderen Wert für die seit Generationen dort lebenden Menschen haben.

Die Gemeinde liegt im oberen Teil des erloschenen Vulkans Huitepec. Er ist das Wahrzeichen des Jovel-Tales, welches reich an Wasservorkommen ist und eine enorme und einzigartige Vielfalt an Pflanzen und Tieren beherbergt. Deshalb ist das Interesse an diesem Gebiet auch sehr groß, gerade von Seiten nationaler und transnationaler Firmen, die die Wasservorkommen und die Biodiversität ausbeuten wollen. In Huitepec gibt es bereits eine Niederlassung der Coca-Cola-Company, die dort 5 Liter Wasser pro Sekunde zu einem Spottpreis abpumpt und so den anliegenden Gemeinden einen Großteil des lebensnotwendigen Wassers entzieht.

Die Zapas haben am 13.3.2007 eine 102 Hektar große Fläche zum Naturschutzgebiet erklärt. Trotz der Ankündigung dieses Vorhabens hat der Staatskongress nur einen Tag vorher auf Anfrage der Regierung von Chiapas dasselbe Gelände auch unter Naturschutz gestellt. Von FrayBa, dem Menschenrechtszentrum, mit dem ich auch in die Gemeinde gegangen bin, gibt es eine interessante Auflistung, warum dies nicht rechtmäßig ist. So verstößt diese Entscheidung zum Beispiel gegen die Anweisung des UN-Sonderbeauftragten für Menschenrechte und Grundfreiheiten der indigenen Völker Sr. Rudolfo Stavenhagen. Dieser hebt in einem Bericht vom 23. 12. 2003 ausdrücklich hervor: “Die Einrichtung neuer Naturschutzgebiete in indigenen Regionen darf nur unter vorheriger Konsultierung der betroffenen Gemeinden erfolgen, und die Regierung hat die Entscheidung und das Recht der indigenen Völker, in ihren Gebieten ökologische Gemeindereservate einzurichten, zu respektieren und zu unterstützen.” Weiterhin wird die von Mexiko ratifizierte ILO-Konvention 169 für Indigene und Stammesvölker verletzt, die z.B. vorsieht, dass die betreffenden Völker konsultiert werden müssen, wenn gesetzgeberische Maßnahmen erwogen werden, die sie betreffen. Ja, sie sollen sogar darin unterstützt werden, ihre eigenen Einrichtungen und Initiativen zu entfalten.

Dies ist im Falle von Huitepec ganz und gar nicht geschehen. Ganz im Gegenteil wird hier immer wieder die Räumung des zapatistischen Reservates angekündigt, das einigen ein Dorn im Auge ist…insbesondere auch dem neuen Stadtrat von San Cristóbal Díaz Ochoa, der regelmäßig seinen Räumungswunsch vor der Presse und den ihm nahe stehenden Bewohnern anderer Gemeinden kundtut.
Zum Schutze des zapatistischen Reservates gibt es zwei Campamentos in der Gemeinde, die zeitgleich mit der offiziellen Deklaration des Reservates am 13.3.2007 eingerichtet worden sind.

Ein Campamento ist von und für die internationalen Beobachter und befindet sich auf dem Land eines Compas, nicht weit entfernt von seinem Häuschen und der kleinen Tienda, die er und seine Frau betreiben. Das Campamento ist eine kleine Holzhütte mit ein paar Holzbetten und Platz für einige Hängematten. Vor der Hütte gibt es eine Feuerstelle zum Kochen, einen Ort zum Geschirrspülen und ein Plumpsklo. Einen richtigen Ort zum Baden oder Duschen gibt es nicht. Das haben wir auch in dem recht geräumigen Klo gemacht mit Wasser aus dem Wasserhahn…und je nach Lust und Laune haben wir Wasser auf dem Feuer warm gemacht oder uns mutig mit kaltem Wasser gewaschen.

Das zweite Campamento, das weiter höher und auch direkt an der Reserva liegt, ist von den Compas der zapatistischen Unterstützungsbasen aus der Region. Normalerweise halten sich dort zwischen 20 und 30 Compas auf, die jeweils eine Woche bleiben. In angespannteren Situationen, z.B. wenn wieder einmal eine Räumung mehr oder weniger offiziell angekündigt wird, sind aber ganz schnell noch mehr Leute vor Ort, um die Reserva und ihre Compas vor Ort zu schützen. Diese Situation hatten wir direkt zu Beginn unseres Aufenthaltes und es war beeindruckend zu sehen, wie gut die Organisation der gegenseitigen Hilfe funktioniert. Aus vielen anderen Gemeinden kamen Compas: Männer und Frauen ganz verschiedenen Alters, so dass zwischenzeitlich und wohl auch aktuell zwischen 80 und 100 Compas in dem Campamento sind. Die zusätzlichen Compas bleiben dann auch nur für einen Tag und eine Nacht, dann kommen wieder neue. Schließlich werden sie ja auch in ihren eigenen Gemeinden gebraucht und müssen dort ihr Leben meistern, auf die Felder gehen und und und.

Von “FrayBa” waren auch einmal zwei Leute da, um nach den ersten angespannten und unsicheren Tagen Entwarnung zu geben oder besser die Situation wieder etwas zu beruhigen und uns und auch die Compas über einen aktuellen Zeitungsartikel seitens der Regierung zu informieren, dass (aktuell) keine Räumung geplant ist. Das war für mich eine sehr gute Erfahrung in der Zusammenarbeit mit diesem Zentrum, die Erfahrung, dass wir nicht allein gelassen werden in unserer Arbeit vor Ort… und es hat auch geholfen, den nächsten Tagen des Aufenthaltes entspannter entgegenzugehen.

Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit vor Ort war der tägliche gemeinsame Rundgang mit rund 20 Compas durch die Reserva, um darüber zu wachen, dass die Natur dort nicht durch Waldrodung, Wäschewaschen in den Wasserquellen, Viehherden etc. geschädigt wird. Wenn wir Menschen in der Reserva getroffen haben, haben die Compas sie nach ihrem Anliegen gefragt und immer erklärt, was erlaubt und was nicht erlaubt ist im Reservat und weshalb es dieses Reservat gibt. Die Atmosphäre dieser Gespräche empfand ich immer als sehr angenehm und es wurde erstmal viel zugehört bevor dann ein Compa Erklärungen gemacht hat. Während unserer Rundgänge gab es ganz verschiedene Vorfälle, die wir dann dokumentiert und nach unserem Aufenthalt in unserem Bericht an Frayba weitergereicht haben.

So haben wir z.B. eine Frau getroffen, die ihr Vieh durch die Reserva getrieben hat oder wir haben frisch gefällte Bäume gesichtet, die noch in der Reserva zum Trocknen lagen, um sie dann als Brennholz zu benutzen. Außerdem wurde an einem Tag ein Schild umgestoßen, das das Gebiet als zapatistische Reserva ausweist. Mehrere Tage hintereinander haben sich Männer aus einer benachbarten Gemeinde in der Reserva oder an deren Grenze aufgehalten, deren Anliegen nicht ersichtlich war. Die Compas haben dies eindeutig als Provokation verstanden: zum einen, weil die Menschen, die wir ansonsten getroffen haben, immer ein bestimmtes Anliegen in der Reserva hatten und es ein Gespräch zwischen ihnen und den Compas gab, was diese Männer nicht suchten. Zum anderen, weil es sich um Männer aus einer Gemeinde handelte, die dem räumungsfreudigen Stadtrat von San Cristóbal nahe steht und mit denen es häufiger Probleme gibt. Um zu sehen, was diese Männer vorhaben, haben wir oftmals längere Pausen während unseres Rundganges gemacht, um sie zu beobachten, so dass wir einmal sogar ganze sieben Stunden unterwegs waren. Anfangs waren meine zwei spanischen Mitcampamentistas und ich immer zusammen mit den Compas unterwegs, aber wir haben dann nach ein paar Tagen angefangen uns abzuwechseln. So konnte immer einer im Campamento bleiben, sich ausruhen, eigene Sachen wie Wäschewaschen erledigen und das Essen vorbereiten…denn nach den Rundgängen hatten wir auf jeden Fall immer ordentlich Hunger.
Die Runden, die unterschiedlich lang waren – je nachdem, was passiert ist oder zu beobachten war – haben mir sehr gut gefallen, weil die Natur in Huitepec wirklich wunderschön ist. Manchmal musste ich beim Anblick der vielen alten knorkeligen Bäume und dem wenigen Licht an einen Märchenwald denken. Der Wald wird auch “bosque de niebla” – Nebelwald – genannt, weil gerade morgens dichter Nebel aufsteigt. Es war immer wieder schön von unserem Campamento aus die Nebelschwaden zu sehen, die sich oft ganz langsam vom Berg ins Tal bewegt haben. Das war oft meine Aussicht, wenn ich gegen 7.00 oder 8.00 Uhr aufgestanden bin und vor der Hütte mit dem Feuermachen begonnen habe. Natürlich waren die Waldgänge auch anstrengend, weil es nun mal nicht meine Gewohnheit ist, täglich mehrere Stunden zu wandern und vor allem auch noch schön bergab und bergauf auf oftmals recht abenteuerlichen schmalen “Wegen”. Aber die Luft und die Natur und das Gefühl hinterher, es wieder geschafft zu haben, waren herrlich.
Am Ende unseres Aufenthaltes war ich einmal allein mit 20 Compas unterwegs, was bestimmt ein herrliches Foto abgegeben hätte. Ein Compa, dann ich als einzige Frau und als einzig nicht-vermummte, dann wieder 20 vermummte Zapas. Aber sie haben mich tatsächlich immer gleich an der Spitze laufen lassen.
Und auf den Rundgängen gab es auch einen Ort mit wunderschönem Blick auf San Cristóbal.

…na und jetzt kann ich von der Terrasse meines Hostals aus morgens immer zusehen, wie sich die Wolkendecke über Huitepec verändert und an meine zwei Wochen dort denken. Das ist schon ein bisschen komisch… so dicht und doch so weit weg, zwei so unterschiedliche Lebenswelten. Obwohl: in dieser Gemeinde gab es sogar Strom und fließend Wasser und einen Compa, der täglich immer die gleiche Musik von morgens bis abends gehört hat…und es gab viele Flöhe, viel Qualm beim Feuermachen, einen enormen Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht und eine Hühnerbande, die uns ständig besucht hat, um Essensreste aufzupicken, viele Blumen, viele lange und interessante Gespräche mit einigen Compas und viel zu lachen mit den beiden anderen Campamentistas, leckeres selbst gemachtes Essen und und und. Es war auf jeden Fall wieder eine weitere spannende Erfahrung.

…und geräumt wurde nicht und wird es hoffentlich auch nicht mit Unterstützung vieler, vieler Menschen aus nah und fern.

Liebe Grüße und bis bald. B. aus San Cristobal