Ich sitze an den Stamm eines mächtigen Baumes gelehnt auf meinem Beobachtungsposten mit Blick auf die Straße. Vor mir spielt sich das allmorgendliche Schauspiel des Sonnennebelaufgangs ab und hinter mir sitzen die müden Nachtwachen und warten auf ihre Ablösung. Seit dem Massaker von Acteal 1998 gibt es hier Tag- und Nachtwachen. Vor mir erstreckt sich der Eingang zur Gemeinde und ab und zu eilt ein Mensch mit Machete, Brennholz oder Maultier den Berg rauf oder runter. Die Tienda (Geschäft) in der es immer selbstgebackenes Brot und Popcorn gibt, macht auf und wird es bis spät abends auch bleiben. Hier leben die Menschen nicht nach der Uhrzeit. Hinter mir befindet sich das umfunktionierte “Herrenhaus” dieser ehemaligen Ranch. Ein großes Mural (eine Wandmalerei) erzählt die Geschichte des Aufstandes und der Besetzung der Ranch 1994. Oft stehen die Kinder davor, zeigen auf die Bilder und erzählen sich die Geschichte. Heute sind die Gebäude der einstigen Rinderfarm mit einem ganz anderen Leben gefüllt: Die Ställe sind zu Klassenzimmern und einer Backstube, zum Laden und – klar – zum Spielplatz geworden. Das ist anfangs ein komischer Anblick, dieser pompöse Eingang, der so gar nicht zu den dahinter beginnenden Holzhütten passen will. Das wohl größte Gebäude ist die Kirche, eine riesige Holzhütte mit einer Glocke über der Türe. Ich war etwas erstaunt, dass hier wirklich sonntags nicht gearbeitet wird und alle in sauberen Sachen zur Kirche gehen. Zu den meisten Fragen gehörte auch, welche Religion ich denn hätte.
Während der 12 Stunden, die wir hier sitzen und die Straße im Blick haben, gibt es natürlich auch so manches Gespräch und jeden Tag kommt etwas von der Geschichte dieser Menschen hier dazu. Jeden Tag eine Kleinigkeit, eine Erinnerung oder eine Antwort auf unsere vielen Fragen. So erzählte uns an einem Sonntag jemand über die Besetzung 1994: Da waren 500 Männer, Frauen und Kinder “..y todos..” zur Ranch gekommen und haben die Rancheros vertrieben. Auf die Frage, ob sie Angst gehabt haben kommt ein glucksendes Grinsen: “Sí, han tenido miedo y se fueron” (ja sie hatten Angst und sind dann abgehauen). Nein, das Militär und die Polizei wären nicht gekommen. Es habe Auseinandersetzungen gegeben aber – “gracias a dios!” – keine Toten. Stille folgt, die meine Gedanken wieder durch die Landschaft streifen und mir das Szenario vorstellen lässt. Mit einem Blick auf die kleinen Hütten in der Ferne fügt er hinzu: “Solo hay dos cosas: Vivir o morir” (es gibt nur zwei Möglichkeiten: Leben oder sterben). Hast du nun ein besseres Leben, hier? frage ich ihn. Mit leuchtenden Augen und etwas Stolz in der Stimme sagt er “¡si! antes todas las familias tuvieron hambre, no había campo, no había agua…nada. Aquí tenemos milpas, se crece maís, plátanos y café.” (“Ja! früher hatten alle Familien Hunger, es gab kein Land, kein Wasser, nichts. Hier haben wir Felder und ein Klima, in dem Mais, Bananen und Kaffe wachsen.”). Die Menschen leben von den Erzeugnissen ihrer “milpas” und sie verkaufen etwas Kaffee und Bananen auf dem Markt. Sie haben eine Schule, eine Apotheke und ein Frauenhaus aufgebaut. “Solo vivió una familia aquí.” (“Nur eine Familie hat hier gelebt”). Das Unverständnis darüber ist deutlich an seinem Ton zu erkennen, er macht eine ausschweifende Armbewegung: “Aquí.. todo: !!Solo UNA familia!!” So weit mein Auge reicht, von den Bergen vor mir über die Straße hinweg bis zum Horizont und den Bergen hinter mir, das ist alles autonomes Gebiet. Mir fällt es schwer, die im Sonnenlicht glänzenden Wellblechdächer der Hütten wegzudenken und mir vorzustellen, dass es dort nichts als Kuhweiden gegeben hat. Im gesamten Municipio (mehrere Gemeinden bilden ein Municipio) leben ungefähr an die tausend Menschen und es kommen mehr dazu. Die Gemeinde hier ist eine gespaltene, in hauptsächlich Zapatisten und die ORCAO. Die ORCAO (regionale Organisation der Kaffepflanzer von Ocosingo), die früher mit den Zapas sympathisierten und sich auch an den Besetzungen beteiligten, stehen nun in einem mehr oder weniger offenen Konflikt zu den Zapas. Sie werden von der chiapanekischen Regierung unterstützt und erhalten die Möglichkeit, einen legalen Status für ihre besetzten Ländereien zu erlangen. Die Regierung lockt ebenfalls mit günstigen Krediten für die Viehzucht: “… die damit verbundenen günstigen Kredite für Viehzucht sind eine große Verlockung; doch das Vieh braucht mehr Land als bei der gemeinsamen Landbesetzung 1994 zugeteilt, und da wäre doch noch die Milpa, das Maisfeld des zapatistischen Nachbarn, der dieses ja “illegal” besetzt hält.” (Zitat aus einem Ciepac-Infobrief). Es gibt einige Fälle, in denen ORCAO-Mitglieder ihre zapatistischen Nachbarn überfallen haben, um ihr Land zu nehmen.” “Sie sind zu Paramilitärs geworden”, sagt ein Vertreter des autonomen Rates über die Gruppe, die ohne Absprache mit der ORCAO-Führung gehandelt haben will.” (Zitat aus einem Sipaz-Bericht). Die Polizei ist nicht an der Aufklärung solcher Vorfälle interessiert. Es wird auch gesagt, dass sie Angst vor den Paramilitärs hat. “‘Landkonflikte’ stellen sich als die beste Waffe heraus, um die autonomen Bezirke ungestraft zu belästigen und anzugreifen”, schreibt Hermann Bellinghausen. “Und im Grunde ist es genau das, worum es bei der Kriegsführung niederer Intensität geht.”
Es gibt hier zwei Schulen, einmal die staatliche. Da die Zapas jegliche Unterstützung der Regierung ablehnen, wird diese hier nur von den ORCAO-Kindern besucht. Im Moment gibt es auch eine autonome Schule. Das ist nicht immer so, denn die Felder der “Promotores”, die den Unterricht machen, müssen von anderen bearbeitet werden. Dies passiert meistens im Rotationsprinzip und funktioniert eben manchmal nicht. Das tolle an dieser Schule ist schonmal, dass du nie zu spät kommen kannst, weil auf alle gewartet wird. Dann gibt es ein bisschen Mini-Revolutionstraining, das Singen der Hymne sowie ein bisschen militärischen Drill. Ich bin darüber ziemlich baff, aber nachdem sich alle bei “!Vuelta!” (“Wende!”) falschrum gedreht und den Kopf gestoßen hatten, schon etwas erleichtert über das Chaos, das die Kinder hier inne haben und hoffentlich behalten werden. “Vivir o morir” geht mir durch den Kopf. Diese Kinder werden wahrscheinlich auch vor die Wahl gestellt sein. Eine andere Geschichte, ein anderes Leben, und trotzdem bleibt eine zugeschnürte Kehle, wenn Kinder sich nach Befehl auf den Boden schmeißen und robben.
Die andere Sache, die mich etwas erschrocken hat, war, dass es im öffentlichen Leben so wenige Frauen gibt. Bei den Wachen, dem allabendlichen Treffpunkt mit gemütlich zusammensitzen (und fernsehen!), dem Malen des Murales – fast nie treffe ich eine Frau. Ich weiß, dass es ein ganz schön langer und schwerer Prozess ist und die klassischen Geschlechterrollen sich nicht von heute auf morgen in Luft auflösen können. Trotzdem hatte ich gedacht, dass etwas anders damit umgegangen werden würde. Am vorletzten Tag erfahre ich, dass es eine “casa de las mujeres” – ein Frauenhaus gibt – doch im Moment wird es als Schule benutzt. Das Thema “Frauen ” wurde kein einziges mal von den mitmalenden Männern (nur einmal hat eine 15-Jährige mitgemalt) thematisiert. Dass die “casa de las mujeres” auf dem Bild zwischen Hütten, Maultieren und Maispflanzen erschienen ist, ist nur der Frau der Menschenrechtsorganisation, die das ganze etwas begleitet, zu verdanken.
Es ist Abend geworden. Die Menschen kommen von den (manchmal 2 Stunden entfernten) Milpas in den Bergen zurück, der Platz unter dem Baum füllt sich mit diskutierenden, gestikulierenden und lachenden Indígenas. Zwei ältere Männer sitzen auf einem Mäuerchen, zeigen auf die Hühner und sagen “ha-ahn”, “hu-uhn”, ganz konzentriert und immer wieder, aber auch mit der Zeit, zwischendurch immer wieder ein glucksendes, mitreißendes Lachen zu lachen. Daneben sitze ich und sage “ba-taan-me”, “ussi ak bii?” und wir lachen zusammen ob dem komischen Gefühl auf der Zunge beim Aussprechen der neuen Wörter. Die Kinder kommen und rennen um uns herum “ha-ahn” hihihihi, “huhn!!” “?Cómo te llamas?” -ich habe die Wörter auf Tzeltal leider vergessen. Das ist eine tolle Sprache, aber ganz schön schwer und überhaupt nicht zu verstehen. Ixim heisst Mais. Und “was machst du?” “ussi-tscha´pas?”
Die Sonne ist untergegangen, nicht ohne die Berge noch einmal in ein rotes Licht zu hüllen und ein toller Sternenhimmel ist gekommen. Ich stehe vor der Türe unseres momentanen zu Hauses, betrachte die Weltkarte daneben (die ganz toll ist, wenn du zeigen magst wo denn “alemania” nun liegt und, dass es kein Teil von Italien ist) und denke, dass ihr doch schon ganz schön weit weg seid… . Aber jetzt gibts erstmal Tortillas mit angebratenen Tomaten und Salsa Mexicana. Dann vielleicht noch ein Refresco aus der Tienda und dann in die Hängematte.
Eines Morgens wache ich nicht von tzeltal- sondern von spanischsprechenden Stimmen auf. Es gibt einen Workshop zu dem Mural auf der Hauswand. Neugierig steh ich davor und höre zu, dann kommt eine Frau auf mich zu und fragt, ob ich denn mitmalen werde. Sie würden nämlich nun das Mural (Wandbild) beenden, zumindest soweit es die Geschichte zulässt, …denn die ist noch nicht zuende! Vor ein paar Tagen gab es eine neue Besetzung. Die Geschichte geht weiter!