Bericht vom Marsch der Farbe der Erde

Mrz 2001

bericht aus chiapasIm Februar 2001 machte sich eine große zapatistische Karawane, der sogenannte “Marsch der Farbe der Erde”, begleitet von mexikanischen und internationalen BeobachterInnen, von Chiapas aus auf in Richtung Mexiko-Stadt, mit der Absicht, einen vorerst letzten Versuch des Dialoges mit der Regierung zu unternehmen. Als Voraussetzungen für die Aufnahme dieses Dialoges hatten die Zapatistas drei Bedingungen formuliert: Der Rückzug des mexikanischen Militärs von sieben festgelegten Positionen, die Freilassung der zapatistischen Gefangenen sowie die Umsetzung der Abkommen von San Andres. Da keine der Bedingungen – und am wenigsten die letzte – erfüllt wurde, kam es nicht zu diesem Dialog.

Bericht von der Marcha

Die letzten zwei Wochen, in denen ich am “Marsch” der EZLN von Chiapas nach Mexiko City als internationaler Begleiter teilgenommen habe, sind alles andere als einfach zusammenzufassen: Jeder einzelne Tag war angefuellt mit einer Unmenge an Ereignissen und Eindruecken, dazu kamen staendiger Zeitdruck und manchmal absolutes Chaos.

Der “Marsch”, der sich am 27. Februar von San Cristobal de las Casas aus in Richtung mexikanischer Hauptstadt in Bewegung setzte, war zunaechst einmal ein Konvoi, bestehend aus Autobussen, Mini-Bussen, Pick-Ups und PKWs. An der Spitze fuhren stehts die 23 Comandantes und Comandantas des CRRI-CG (Geheimes Revolutionaeres Indigena-Komitee, General-Kommandantschaft) der EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung) und Subcomandante Insurgente Marcos in einem eigenen Autobus. Dahinter folgten die Fahrzeuge der Organisatoren der Karawane, dann die Autobusse der mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft. Mit den unzaehligen unabhaengig organisierten Fahrzeugen von Sympathisanten, Presse und der mexikanischen Bundespolizei bildete sich ein mehrere Kilometer langer Treck. Insgesamt 1.600 Beamte der Bundespolizei waren zur “Sicherheit” der Karawane abgestellt. Staendig begleitete ein Polizei-Hubschrauber den Zug und die nicht wenigen Agenten in Zivil mit Video-Kameras interessierten sich insbesondere fuer die internationalen Teilnehmer.

Zudem wurde die Fuehrungsspitze der EZLN auf ihrem Weg nach Mexiko-City begleitet von Delegierten des 3. Nationalen Indigena-Konress, von einigen der aeltesten Zapatistas des Landes, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts an der Seite von Emiliano Zapata kaempften, ausserdem von Vertretern der zivilen Basen der EZLN sowie der mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft, Menschen verschiedensten Alters aus allen Teilen Mexikos und der ganzen Welt. Nicht zu vergessen die zahlreichen Journalisten der nationalen und internationalen Presse, die “live” von der “Zapa-Tour” berichteten.

Die “Karawane der Wuerde und der Hoffnung” fuehrte auf mehr als 3.500 Kilometern durch 12 verschiedene mexikanische Bundesstaaten und damit unterschiedlichste Klima- und Vegetationszonen und verlangte den Teilnehmern viel Geduld beim langen Busfahren und eine gewisse Ruhe bei oft unklaren Uebernachtungs- und Verpflegungsmoeglichkeiten ab. Dafuer wurden wir aber oft genug durch begeisterte Empfaenge auf den verschiedenen Stationen entschaedigt: Hunderttausende Menschen empfingen die Karawane auf ihrer Route und drueckten mit ihrem Jubel ihre Unterstuetzung fuer die Forderungen der EZLN aus: “No estan solos!” (Ihr seid nicht allein!).

Hoehepunkte in dieser Hinsicht waren sicher die Aufenthalte in den kleineren Staedten wie Juchitan (Bundesstaat Oaxaca), Orizaba (Veracruz) oder Acambaro (Guanajuato), wo uns die Menschen mit einer unglaublichen Freundlichkeit und Grosszuegigkeit aufgenommen haben. Als wir beispielsweise mit unserem Bus am Donnerstag, dem 01. Maerz eine Motorpanne hatten und so den Anschluss an die Karawane verloren, sind wir nach der Reparatur nach Acambaro vorgefahren, wo die zweitletzte Station fuer diesen Tag geplant war, um dort wieder zur Karawane zu stossen. Allerdings hatte sich zuvor ein Unfall auf der Autobahn kurz vor der Millionenstadt Queretaro ereignet, in den ein Begleitfahrzeug der Karawane, ein Polizeiwagen sowie der Bus der Comandancia der EZLN verwickelt waren, und in dessen Folge ein Polizist sein Leben verlor. Die Karawane musste deshalb eine ungeplante Uebernachtung in Queretano verbringen, und wir waren ohne Anschluss in Acambaro. Spezielle Brisanz hatte diese Situation, da der Gouverneur von Queretano im Vorfeld der Marcha die EZLN des Vaterlandverrats beschimpfte und im Moment des Verlassens des Staatsgebiets von Chiapas die Erschiessung der Comandantes und Comandantas forderte. Wir waren in diesem Moment ziemlich verunsichert und angespannt. Doch die Verantwortlichen fuer die Veranstaltung in Acambaro mit der EZLN von der Organisation der lokalen Sympathisanten der Zapatisten hatten innerhalb zwei Stunden eine Schlafmoeglichkeit in einem erst halbfertiggestellten Hotel organisiert, inklusive offenem Kaminfeuer und vegetarischen Sandwiches.

In anderen Staedten und Gemeinden waren wir zum Teil in Schulen oder Sporthallen untergebracht, oft mussten wir auch unter freiem Himmel oder im Bus schlafen. Als internationale Begleiter der Karawane der EZLN haben wir immer wieder mit den Mexikanern symbolische Sicherheitsguertel fuer die Comandantas und Comandantes gebildet, wenn diese zu den Veranstaltungen an den Reisestationen ihren Bus verliessen.

Ein weiterer Hoehepunkt der Marcha war sicherlich der dreitaegige Aufenthalt in Nurio (Michoacan), wo die Comandancia der EZLN am Dritten Nationalen Indigena-Kongress (CNI) teilgenommen hat. Hier waren 40 der 57 indigenen Volksgruppen Mexikos durch mehrere Tausend Delegierte vertreten. An runden Tischen wurde in demokratischer Weise ueber verschiedenste Themen diskutiert, beispielsweise ueber die Umsetzung der Acuerdos von San Andres, Vorschlaege an die Vermittlungskommission CoCoPa oder die Belange der indigenen Frauen. Wir als internationale Beobachter konnten uns die Diskussionen an den Tischen anhoeren, hatten aber kein Rederecht. Ausserdem konnten wir uns von den Reiseanstrengungen etwas erholen, duschen und etwas ausschlafen. Auf der Abschlusskundgebung des CNI am Sonntag, dem 04. Maerz wurden die Ergebnisse der Beratungen vorgestellt, ausserdem die Wichtigkeit des gemeinsamen Kampfes fuer die Rechte der indigenen Bevoelkerung Mexikos betont und der EZLN die Unterstuetzung in ihrem Kampf fuer indigene Rechte und Kultur zugesichert. Bekraeftigt wurde einmal mehr die Forderung, eine neue Welt zu schaffen, eine Welt, in die viele Welten passen. Mehrere Delegierte des CNI schlossen sich der Karawane der EZLN an.

Am 11. Maerz 2001 kam die Comandancia der EZLN inklusive Subcomandante Marcos in Mexiko-Stadt an. Unter stuermischem Beifall von etwa 200.000 versammelten Menschen auf dem hauptstaedtischen Zocalo (Mittelpunkt in der kolonialen Stadtarchitektur) wurde die Karawane der Zapatisten an diesem Tag empfangen.

Nach der Ansprache der Comandantes der EZLN auf dem Zocalo fuhren wir gemeinsam zum Gelaende der UNAM (Universidad Nacional Autonoma de Mexico, mit rund 400.000 StudentInnen die groesste Universitaet der Welt) im Sueden der Metropole. Dort ist die Fuehrung der EZLN nun auf dem Campus der ENAH (Escuela Nacional de Antropologia e Historia) mit einigen internationalen Begleitern und den Delegierten des CNI untergebracht. Auf dem grossen Haupt-Campus der UNAM, vor der bekannten, mit einem riesiegen Wandmosaik verzierten Bibliothek ist der Rest der zapatistischen Karawane untergebracht. Hier haben sympathisierende Studenten ein “Aguascalientes” (zapatistisches Diskussions- und Versammlungsdorf) fuer uns errichtet, mit Podium und Buehne, Zelten zum Schlafen und einer Kueche. Der immer noch vom Studentenstreik besetzte Hoersaal “Che Guevara” wurde ebenfalls als Schlafraum umfunktioniert.

Wie in der mexikanischen Zivilgesellschaft – immer wieder versammelten sich Hunderte Menschen entlang der Strasse, um Sprech-Choere zu bilden und Tansparente hochzuhalten – fand diese einzigartige Reise fuer einen gerechten und wuerdevollen Frieden in Chiapas natuerlich auch in den Medien ein grosses Echo. Staendig wurde die Karawane von mindestens zwei Helikoptern der kommerziellen nationalen Fernsehsender “TV Azteca” und “Televisa” begleitet, die in ihrer Berichterstattung traditionell der mexikanischen Regierung nahestehen. Dennoch waren im mexikanischen Fernsehen keine “Live”-Bilder vom sensationellen Einzug der Karawane im Zentrum von Mexiko-City zu sehen. Von diesen Fernsehstationen und auch von Praesident Vicente Fox wurde die Karawane immer wieder als Wille der EZLN fuer den Frieden charakterisert, der mexikanische Innenminister Creel liess in der Presse sogar verlautbaren, die Tolerierung der Marcha durch die Regierung, anstatt eine militaerische Option zu waehlen, zeuge vom guten Willen und der Toleranz der neuen Regierung.

Dabei scheint Fox aber zu uebersehen, dass er noch immer nicht die drei Forderungen der EZLN komplett erfuellt hat, die diese an ihn gestellt hat, um wieder an der Verhandlungstisch zurueckzukehren. Eine Einladung von Fox an Sucomandante Marcos, ein Vier-Augen-Gespraech im Praesidentenpalast “Los Pinos” zu fuehren, hat Marcos auch deshalb abgelehnt. Solange die drei Forderungen nicht erfüllt seien, gebe es keine Gespräche mit der Regierung, erklärte Marcos. Zudem diene ein solches Zusammentreffen primär der Aufbesserung des Foxschen Ansehens, während gleichzeitig die indigene Bewegung trivialisiert würde. Die EZLN betont deshalb auch immer wieder, dass es in Chiapas zwar um einen Frieden geht, aber einen Frieden mit zwei wichtigen Adjektiven: “gerecht” und “wuerdevoll”. Dies steht den Absichten der mexikanischen Regierung und ihrem “Plan-Puebla-Panama” fundamental entgegen, da sich indigene Kultur und Lebensweise nicht auf staatlichen Strassenbau und Infrastrukturmassnahmen, “Maquiladora-Industrie” (typische Industrialisierungsform des mexikanischen Norden an der Grenze zu den USA, in Fabriken werden importierte Einzelteile aus den USA unter Ausnutzung der mexikanischen Billigloehne zusammengesetzt und dann wieder reimportiert) und eingezaeunte Reservationen fuer die “Ureinwohner” beschraenken laesst.