Kurzer Bericht aus Guatemala

Feb 2007

Hallo lieber Unterstützerkreis!

Hier schicke ich euch meinen ersten tatsächlichen Arbeitsbericht über den letzten Monat.

Noch einmal genauer zur Arbeit von CAIG. Diese ist aufgeteilt in kurzfristige (Corto Plazo) und langfristige (Largo Plazo) Missionen. Die langfristigen Plätze sind diejenigen in den Gemeinden der AJR, diese werden jetzt nun schon seit ca. 6 Jahren betreut. Die Begleiter wohnen in den Gemeinden und besuchen die Zeugen, die teilweise mehrere Stunden voneinander entfernt wohnen. Die kurzfristigen Missionen sind Begleitungen von Aktionen oder Organisationen, z.B. Exhumierungen, Konsultationen, Infoveranstaltungen u.s.w.. Die Begleiter wohnen, wenn sie nicht grade unterwegs sind, im CAIG-Haus in Guatemala-Stadt.

Auf Grund der Aufregung wegen der Haftbefehle wurden allerdings in meinem ersten Monat ungewöhnlich viele neue Begleiter aufgenommen (Anm.: Am 7. Juli 2006 waren internationale Haftbefehle u.a. gegen die ehemaligen Diktatoren E. Ríos Montt, O. H. Mejía Victores und F. R. Lucas García erlassen worden). Die konkreten Aufträge blieben aber aus, weshalb wir nun einige Corto Plazo Missionen begleiten, und teilweise Largo Plazo Begleiter ersetzen. Der Vorteil davon ist, dass ich so die verschiedensten Gegenden und Szenarien Guatemalas kennenlerne.
Meinen ersten Monat verbrachte ich in V., einem kleinen Dorf in der Nähe zu Mexiko, gelegen in der Region Ixcán (sprich: Ieschkahn), in welcher die Gewalttaten während des Bürgerkriegs und die Aktivitäten der Guerilla besonders stark waren. Ixcán hat eine kurze, aber sehr ereignisreiche Geschichte. Vorher unbewohnter Dschungel, wurde es ab 1966 aus einer Initiative und dank der Finanzierung und Organisation des us-amerikanischen, katholischen Missionsordens Maryknoll mit Indígenas verschiedener Ethnien besiedelt. So konnten die überwiegend aus dem Hochland stammenden Indígenas zwar in brütender Hitze, aber wenigstens ihr eigenes Stück Land (Parcela) bearbeiten, anstatt die Hälfte des Jahres unter unmenschlichen Bedingungen auf den Kaffee- und Zuckerplantagen der Pazifikküste zu arbeiten.

Februar bis März 1982 begann das Militär schließlich die Verbrannte-Erde-Taktik und verübte an aufeinanderfolgenden Sonntagen, an denen sich die Menschen im Zentrum versammelten, Massaker in mehreren Dörfern in Ixcán. V. wurde am XX.März dem Erdboden gleichgemacht, es starben (nach offiziellen Daten) 324 Menschen. Einige wurden rechtzeitig gewarnt und flohen in den Dschungel, wo sie unter Moskitos, Taranteln, Skorpionen, Krankheiten und Hunger litten. 35 Familien lebten dort, organisiert in den sogenannten Widerstandsgemeinden (Comunidades de Población en Resistencia – CPR), über 10 Jahre, die meisten flohen jedoch nach Mexiko. In dem Dorf selber blieben nur die Soldaten. 1993 kehrten die ersten Flüchtlinge aus Mexiko wieder zu ihrer eigenen Parcela zurück.

Heutzutage ist V., wie die meisten ruralen Landstriche in Guatemala, von Armut, schlechter Infrastruktur und extrem hoher Abwanderung geprägt. … In Sachen Infrastruktur ist V. stark von der Kommunikationsgesellschaft abgeschnitten: weder Handy- noch Fernsehempfang, schlechte bzw. kaum vorhandene Straßen und kaum Brücken für die zahlreichen Flüsse, weshalb das nächste Dorf mit Arzt, weiterführender Schule, Internet und Tageszeitungen eine 4-stündige Reise entfernt ist. Die Verbindung zur Außenwelt findet vor allem über die Satellitentelefone und über die Menschen statt, die ab und zu ins nächste Dorf reisen (wir Begleiter dienen in diesem Sinne auch einer solchen).

Die einzige Hilfestellung der Regierung sind die einfachen Zementhäuser (keine Häuser im europäischen Sinne, gemeint sind eher 4 Wände und ein Wellblechdach), die den Opfern des Bürgerkrieges finanziert werden. Die Migration ist besonders hoch in V.: von den durchschnittlich 8 Kindern sind durchschnittlich 4 in Mexiko oder den USA, es gibt im ganzen Dorf kaum junge Männer.

Wie so viele Dörfer ist auch V. in 2 Lager gespalten: Ex-Guerilla und Ex-PAC leben auf engstem Raum zusammen. Die Ex-PAC gründeten 1998 das “Comité de Amistad con el Ejército”(Komiteé der Freundschaft mit dem Militär), welches der 1997 gegründeten Menschenrechtsorganisation ADDHAI gegenübersteht.

Gleich am 2. Tag nach unserer Ankunft fand eine “Konferenz für Frauen: Erinnerung, Wahrheit, Gerechtigkeit” statt, an der von den Massakern betroffene Frauen aus mehreren Dörfern in Ixcán teilnahmen, organisiert von einer nichtstaatlichen Organisation. … Wir besuchten die Orte der Massaker, den Friedhof, auf dem in einem Pantheon die Überreste der Menschen aufbewahrt wurden, die bei dem Massaker umgekommen sind und bei den Exhumierungen in den späten 90ern ausgegraben wurden, und das Monument des Massakers, welches ebenfalls in den 90ern errichtet wurde und von Ex-PAC nach seiner Errichtung teilweise demoliert wurde. Im Laufe des Tages erzählten die Frauen, teilweise nur in ihrer eigenen Sprache, da sie kein Spanisch sprechen, ihre Geschichten: wie sie durch Kugelhagel flohen; ihre Familien zurücklassen mussten; sahen, wie rechts und links neben ihnen Menschen starben; Hunger; Todesangst und Verzweiflung litten… immer wieder brachen sie in Tränen aus, immer wieder wiederholten sie, dass das keine Lüge ist. Es war ein unglaublich bewegender Tag und meine Lippe war am Ende des Tages vollkommen zerbissen, was mich davon abhielt, nicht selber anzufangen zu weinen. Es zeigte, wie frisch und wie wenig verarbeitet noch immer die Wunden des Krieges und der Verlust der Familienmitglieder sind, wahrscheinlich auch gerade weil diese Verluste und Erfahrungen von der Gesellschaft nicht anerkannt, entschuldigt oder entschädigt werden. Für die Opfer ist es, wie mir hier auffällt, noch zusätzlich schmerzhaft, wenn sie für die Anerkennung ihres Leides auch noch kämpfen müssen und sich gegen Anschuldigen wehren müssen. Vor allem die Tatsache, dass sie noch immer mit den Mördern ihrer Familienangehörigen, die sich ihres Wohlstands erfreuen und keine Verantwortung auf sich nehmen, in einem Dorf wohnen müssen und sich sonntags in der Kirche zu treffen, ist auch wegen der immer noch tief verwurzelten Angst vor weiteren Attacken ein schwerwiegender Stressfaktor. Ich verstand nun besser, warum die Männer des Dorfes, die entweder Guerilleros oder PAC waren, sich hier jeden Sonntag hoffnungslos betrinken.

Wie tief diese Angst noch sitzt und wie unsensibel die Regierung und das Militär mit dieser umgehen, zeigt ein Zwischenfall von vor einigen Wochen: in einem Dorf in der Nähe von V. landeten Helikopter mit Militärschwadronen und diese drangen in eine Schule ein, weil sich in dieser angeblich Waffen und Munition der Drogenmafia befanden. Die Dorfbewohner flohen aus Angst vor einem erneuten Massaker in den Dschungel; ebenso in anderen Gebieten des Ixcán, wo die kreisenden Helikopter unwillkürlich mit den Ereignissen des Bürgerkrieges assoziiert werden.

Obwohl es keine konkreten aufregenden Ereignisse gab, war es für mich eine sehr aufregende Zeit. Wahrscheinlich weil es für mich auch der erste persönliche Kontakt zu den Menschen war, über deren Geschichten ich zwar schon sehr viel gelesen hatte, die aber so grausam sind, dass ich sie erst wirklich glauben konnte, als ich sie zum ersten Mal aus dem Munde einer Zeugin hörte. Und noch immer fällt es mir schwer zu glauben, dass diese fröhliche und energische Frau ihre Kinder sterben sah, dass dieser freundlich lächelnde Mann sich die 4 Tage des Massakers unter einem Baumstamm verstecken musste, wo ihm Feuerameisen das Gesicht zerbissen und wo er roch, wie die Frauen und Kinder seines Dorfes verbrannt wurden. Das, was schwer zu glauben ist, ist vielleicht, dass diese Menschen trotz alldem immer noch leben können.

Nach langer Zeit mal wieder eine Nachricht von mir. Zuerst einmal:

Mir geht es gut, die Arbeit ist recht anstrengend und morgen geht es wieder los. Ich werde dann erst Ende März wieder von mir hören lassen. … Meine Arbeit besteht darin, in mehrere indigene Dörfer zu fahren und dort die Familien der ZeugInnen und deren UnterstützerInnen zu besuchen oder aber auch diese zu wichtigen Versammlungen zu begleiten. Als BegleiterInnen sind wir aus Sicherheitsgründen immer zu zweit unterwegs. Wir essen 3 mal am Tag mit den Familien, schlafen in deren Häusern, arbeiten manchmal ein bisschen mit (Maiskörner vom Maiskolben entfernen, Kaffee pflücken, Bohnen aus ihren Schalen holen, sogar auf einem Feld habe ich Löcher gegraben, aber nur für 15 Minuten) oder unterhalten die meist sehr zahlreichen Kinder (Origami steht ganz hoch im Kurs, ist aber auch das einzige was ich anbiete).

Nach einem Monat Aufenthalt in den Dörfern kommen wir dann zu einer Besprechung wieder in die Hauptstadt und fahren kurz darauf wieder in unsere Dörfer. Ich werde das bis Mitte Mai machen und glaube jetzt schon, dass mir der Abschied sehr schwer fallen wird, obwohl die Arbeit sehr anstrengend ist. In den ersten 2 Wochen musste ich mir die Wege zu den Häusern und die Gesichter der Personen von 80 Familien merken. Aber das geht, bisher habe ich mich noch nicht großartig verlaufen. Die Wege sind manchmal ganz schön weit, ab und zu müssen diese dann auch mit dem ganzen Gepäck zurückgelegt werden.
Die Familien, die wir besuchen, sind meist sehr herzlich und es kommen oft lange Gespräche zustande, auch über die schlimmen Ereignisse des Krieges. Fast alle haben Mitglieder ihrer Familien verloren oder wurden selbst gefoltert oder haben monatelang ohne Nahrung und Kleidung und Dach über dem Kopf in den Bergen überlebt.

Ansonsten sind wir in den Dörfern die einzigen AusländerInnen und es gibt immer wieder mal Gerüchte das wir Kinder stehlen würden oder Menschen fressen oder Köpfe abschneiden. Viele Kinder verstecken sich auch vor uns…

So, ich werde diesen Bericht nun beenden und meinen Rucksack packen. Mitte März werde ich mich dann wieder melden.
Meine Fotos sind diesmal nicht so sehr aussagekräftig. Zum einen werde ich so oder so aus Sicherheitsgründen keine Fotos von Menschen die ich besuche veröffentlichen und auch nicht von deren Häusern. Zum Anderen bin ich hier nicht als Fotografin unterwegs und will auch nicht als solche von den Menschen verstanden werden. Ich werde sicher noch Fotos machen, aber wohl erst in meinem letzten Monat.

Von mir nun viele liebe Grüße. D