Die Gemeinde liegt ungefähr 1 ½ Autostunden noerdlich von San Cristobal in den Altos (Hoehen) von Chiapas. Auf dem Weg kamen wir auch an Acteal, dem Ort des Massakers von 1997 vorbei, bei dem 45 Menschen brutal ermordet wurden. Das Gebiet erscheint auch heute noch stark militarisiert, obwohl ja der neue Präsident Mexicos, Vicente Fox versprochen hat, die militärische Präsenz in Chiapas zu reduzieren. Auf keiner meiner vorigen Reisen durch Chiapas bin ich an so vielen Militärcamps und Kontrollpunkten vorbeigekommen. Zusätzlich kamen uns ständig Soldaten auf gepanzerten Jeeps, der Sorte “Hummer” aus US-amerikanischer Produktion und Lastwagen von Mercedes-Benz entgegen, bewaffnet mit dem deutschen Armeegewehr “G3″ von Heckler und Koch.
Die Gemeinde ist nur über einen schmalen Trampelpfad zu Fuß zu erreichen, für den wir mit unseren schweren Rucksäcken etwa eine ¾ Stunde gebraucht haben. Auch direkt an diesem Pfad liegt ebenfalls ein Camp der mexikanischen Bundesarmee, die so alle Personen, die sich zwischen der Gemeinde und dem nächsten Ort an der Strasse bewegen, kontrollieren kann. Als wir ins Dorf kamen und auch auf unserem Rückweg, wurden wir allerdings nicht angehalten, sondern lediglich unser “Buenos Dias” freundlich erwidert. Die Gemeinde hat heute etwa 700 Einwohner, von denen der größte Teil Flüchtlinge aus Dörfern der Umgebung sind. Sie alle gehoeren zu der Organisation der “Abejas” (Die Bienen).
Die “Abejas”
Als Organisation der mexikanischen Zivilgesellschaft kämpfen die Abejas mit gewaltfreien Mitteln für einen gerechten und würdevollen Frieden in Chiapas. 1997 wurden bei dem Massaker von Acteal 45 ihrer Mitglieder, die meisten Frauen und Kinder, brutal von Paramilitärs ermordet.
Die Geschichte der Organisation beginnt 1992 nach einem Familienstreit über ein vererbtes Stück Land in der Gemeinde von Tzanembolom im Bezirk Chenalho. Die dortige Dorfversammlung entschied, daß das Land in gleichgroßen Stücken an die hinterbliebenen Kinder vergeben werden sollte. Einer der Erben begann dann aus Unzufriedenheit über diese gemeinschaftliche Entscheidung, die Gemeinde mit einer Gruppe von Freunden aus anderen Dörfern mit Gewalt zu bedrohen.
Als Antwort darauf beschlossen die Einwohner von Tzanembolom mit anderen Gemeinden eine Organisation zu gründen, um sich im Falle eines Angriffs verteidigen zu können. Am 9. Dezember 1992 trafen sich die Vertreter der Gemeinden in Tzajalchen zur Gründungsversammlung der bis dahin aber noch namenlosen Organisation der Abejas. Nach diesem Treffen wurden drei Personen angegriffen und angeschossen. Einer starb und zwei wurden schwer verletzt. Statt die Verantwortlichen zu verhaften, nahmen die Behörden fünf Personen fest, die vorher an dem Treffen teilgenommen hatten. Sie wurden ins Gefängnis nach San Cristobal gebracht.
Am folgenden Tag organisierten die Abejas einen Protestzug nach San Cristobal, aber immer noch ohne Namen für ihre Vereinigung. Während dem Zug wurden sie immer wieder von Pressevertretern nach dem Namen ihrer Organisation gefragt, konnten aber keine Antwort geben. Alle paar Stunden haben sie dann darüber beraten und erst kurz vor San Cristobal kamen sie auf die “Abejas”. Sie erklären den Namen folgenderweise: Sie seien eine Vielzahl an Personen und wollten genauso wie die Bienen ihren Bienenkorb bauen, wo sie gemeinschaftlich arbeiten und Honig für alle produzieren können. Die Biene sei zudem ein kleines Tierchen, das aber stechen kann. Der Kampf der Abejas sei ein Kampf kleiner friedlicher Stiche.
Nach dem eintägigen Fußmarsch nach San Cristobal organisierten sie dort für mehrere Tage eine Mahnwache vor dem Gefängnis und Demonstrationen in der Stadtmitte, um die Unschuldigen aus dem Gefängnis zu befreien. Nach 27 Tagen sahen sich dann die Behörden veranlaßt, die Verhafteten aus Mangel an Beweisen freizulassen. Während dieser langen Zeit erhielten die Abejas Hilfe und Unterstützung von anderen Organisationen der Zivilgesellschaft, unter anderem auch vom Menschenrechtszentrum Fray Bartholme de las Casas, mit dem ich als Campamentista unterwegs bin.
Nach diesem Anfangserfolg fuhren die Abejas fort, sich zu organisieren. Heute gibt es Gruppen in 42 Gemeinden mit ca. 4.500 Mitgliedern, die große Mehrheit von ihnen ist katholisch. Ein Teil ihres Kampfes sind die Praktiken “zivilen Widerstands”. Die Abejas zahlen keine Steuern an den Staat und akzeptieren gleichzeitig keine Hilfe vom Staat bis die Regierung die Abkommen von San Andres über indigene Rechte und Kultur anerkennt und es einen gerechten Frieden in Chiapas gibt.
Nach dem Beginn des bewaffneten zapatistischen Widerstand 1994 nahmen die Abejas am Verhandlungsort in San Andres an den “Friedensgürteln” teil. (Symbolischer Schutz der Friedensgespräche zwischen Regierung und EZLN durch Menschenketten um den Tagungsort) Die Abejas wurden aber nicht zu Zapatistas. Statt dessen entschieden sie, in der Zivilgesellschaft zu verbleiben, als ein anderes Standbein des Widerstands neben der EZLN. Sie befolgen keine Befehle der EZLN und kämpfen mit friedlichen Mitteln, statt mit Waffen. Die EZLN akzeptiert den Weg der Abejas, sie hätten die gleichen Ziele, aber unterschiedliche Wege, diese zu verfolgen.
Die Mitglieder der Abejas schrieben im Folgenden “Zivilgesellschaft – neutrale Zone” auf ihre Häuser und hißten an ihnen weiße Friedensflaggen. Neutral bedeutet für sie, nicht Teil der Gewalt zwischen den Unterstützern der ehemaligen Staatspartei PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution), den Paramilitärs und der Armee auf der einen Seite und der EZLN auf der anderen Seite sein zu wollen. Dies wurde aber von den “PRIistas” und den Paramilitärs nicht akzeptiert, es kam zu Vertreibungen, die Häuser der Abejas wurden angezündet und ihre Ernten vernichtet oder gestohlen. Viele der Flüchtlinge in der Gemeinde erzählten uns, daß sich in ihren Heimatgemeinden die Paramilitärs organisierten und Geld zu sammeln begannen, um Waffen und Munition zu kaufen. Dabei wurden sie vom damaligen Bürgermeister von Chenalho unterstützt, der dafür heute im Gefängnis sitzt.
Zum Teil wurden die Mitglieder der Abejas mit vorgehaltenem Gewehr bedroht, aus der Organisation auszutreten oder ihr Dorf zu verlassen. Die Mehrheit der Abejas mußte aus ihren Häusern und Gemeinden fliehen, als Resultat der Bedrohung, Verfolgung und Attacken durch paramilitärische Gruppen. Sie leben heute in verschiedenen Flüchtlingslagern.
Die Gemeinde
Unser Campamento lag in der Dorfmitte, am zentralen Dorfplatz, dessen überdachte Hälfte als Kirche und Versammlungsort genutzt wird. Die Häuser der Flüchtlinge gruppieren sich um diesen Mittelpunkt auf den umliegenden Hügeln, aufgeteilt nach ihrer Herkunft, wie kleine Viertel. Viele der Häuser haben lediglich Plastikplanen als Wände, was sich natürlich bei dem rauhen Höhenklima negativ auf die Gesundheit der Bewohner auswirkt. Ebenfalls große Probleme der Flüchtlinge in der Gemeinde sind:
- der allgemeine Platzmangel: praktisch alle Häuser mußten an Hängen erstellt werden, es gibt nicht genügend Anbauflächen in der näheren Umgebung,
- die Brennholzversorgung, große Bestände an Waldflächen wurden schon gerodet, die Leute müssen immer weitere Wege gehen, um Feuerholz zu sammeln,
- in Folge dessen sind viele Flächen von Bodenerosion betroffen,
- die Wasserversorgung und hygienische Situation ist ebenfalls bei weitem nicht ausreichend,
- von der Mangelernährung (fast ausschließlich Reis, Bohnen, Mais) sind vor allem die Kinder betroffen, viele von ihnen haben aufgequollene Bäuche.
Die Flüchtlinge erhalten monatliche Lebensmittelhilfen vom Internationalen Roten Kreuz, es gibt einen Posten des Internationalen Roten Kreuz (finanziert von der Europäischen Union) im Dorf sowie einen Arzt der “Medicos del Mundo”, der jeweils 10 Tage pro Monat, Kranke versorgt und Jugendliche als Gesundheitsbeauftragte ausbildet.
Es gibt mehrere Schulräume, wo allerdings während unseres Aufenthalts in der Gemeinde, kein Unterricht stattfand, da gerade die Zeit der Kaffeeernte ist, wo alle Familienmitglieder eingespannt sind. Es gibt keinen Strom in der Gemeinde bis auf einige Solarzellen an 4 Häusern (Spenden anderer Organisationen). Im Dorf sind an fast allen Häusern weiße Friedensflaggen gehisst.
Allgemein sprechen die Leute, vor allem die Frauen und Kinder wenig spanisch, manche nur tzotzil, alle gehören zur Ethnie der Tzotziles. Anfangs war dies für uns etwas schwierig, da wir nur einige Worte auf tzotzil sprechen. Nichtsdestotrotz wurden wir herzlich von den Leuten aufgenommen, sie begegneten uns mit großer Freundlichkeit und Offenheit. Auch von anderen nationalen und internationalen Organisationen kommen immer viele Vertreter vorbei, zum Teil, um Schulunterricht zu organisieren oder jetzt gerade bei der Kaffee-Ernte zu helfen. So gibt es am Dorfplatz auch eine Gemeinschaftsküche für internationale Gäste, in der wir dreimal täglich Reis und Bohnen mit Tortillas zu essen bekamen.
Im Januar 1998 wollte die mexikanische Bundesarmee mitten im Dorf ein Militärcamp bauen. Sie behaupteten, sie wollen mit einer “sozialen Arbeit” den Leuten hier direkt im Dorf helfen und Medikamente und Hilfsmittel verteilen. Doch die BewohnerInnen wollten dies auf keinen Fall zulassen und vor allem die Frauen und Kinder haben die Militärs bis an den Rand des Dorfes gedrängt. Am darauffolgenden Tag konnten sie sie unter Anwesenheit eines großen Presseaufgebots nochmal ein Stück weiter weg drängen, an den Ort, wo heute das Militärcamp am Weg in die Gemeinde liegt. Von diesen Auseinandersetzungen gibt es sehr viel Bild- und Videomaterial, ein Pressefoto, auf dem ein Soldat von mehreren Frauen bedrängen wird, wurde extrem bekannt und steht heute symbolisch für den Widerstand der Frauen der Abejas. Im Dorfo gibt es ein “mural” (Wandgemälde, typische Art der Darstellung der mexikanischen Geschichte) ebenfalls von dieser Szene.
Bis heute verweigern die Flüchtlinge Hilfen von der mexikanischen Regierung. Sie wollen erst Gerechtigkeit und Frieden in ihren Heimatgemeinden, um dorthin zurückkehren zu können. Es gibt heute eine Koordinationsstelle, die “mesa directiva” in Acteal, die aus jeweils zwei Vertretern aus den 42 Abeja-Gemeinden besteht und mit der mexikanischen Bundesregierung und der Staatsregierung von Chiapas in Verhandlungen über die Rückkehr der Flüchtlinge steht.
Mit anderen Gemeinden der Abejas hat das Dorf eine Kaffee-Kooperative gegründet, die sich “Maya-Vinic” nennt. Uns wurde erklärt, die Abejas identifizierten sich eher als Nachfahren der Maya, Indigenas würden sie immer nur von anderen genannt. Die Kooperative hat einen großen Speicherraum für Kaffee in Acteal und bezahlt den Mitgliedern zur Zeit 8,- Peso (etwa 1 €) pro Kilo Kaffee. Dies ist immer noch fast doppelt soviel, wie andere private Ankäufer zahlen. Die Abejas akzeptieren diesen Preis als einigermaßen fair. Die Kooperative hat einige internationale Abnehmer für “fair gehandelten” Kaffee und existiert nun seit zwei Jahren.
Die Flüchtlinge
Im September letzten Jahres konnten einige Flüchtlinge aus der Gemeinde wieder in ihr ursprüngliches Gebiet zurrückkehren. Allerdings konnten sie nicht in ihr altes Dorf zurück, da dort immer noch die Paramilitärs aktiv sind. Sie haben statt dessen in einem kleinen Tal unmittelbar vor dem alten Dorf ein Gebiet urbar und bewohnbar gemacht und es “Neues Dorf” genannt. Wir hatten an einem Tag die Gelegenheit, das Dorf zu besuchen. Für den 1 ½ stündigen Fussmarsch dorthin haben die Flüchtlinge damals über 6 Stunden gebraucht. Sie haben alles Hab und Gut auf dem vom Regen total aufgeweichten und verschlammten Weg transportiert, sogar die Wellblechdächer und Holzbalken ihrer Häuser. Noch heute stehen in der Gemeinde einige Holzgerippe ehemaliger Häuser, die wohl aber auch noch abgeholt werden. Viele der Flüchtlinge haben die großen Baunägel beim Häuserbau nur zur Hälfte ins Holz geschlagen, um sie bei ihrer erhofften baldigen Rückkehr, leichter wieder herausziehen zu können.
Im “Neuen Dorf” haben sich die Leute mittlerweile eingerichtet. An den Hängen wurden Flächen für den Häuserbau und zum Kaffeetrocknen ausgehoben. Dazwischen führen kleine Wege und Treppenstufen im schweren Lehmboden durch das Dorf und die nahen kleinen Felder. Durch das Tal fließt ein kleiner Bach, dessen Wasser trinkbar ist, und der auch als Bad und Waschküche benutzt wird. Es gibt ebenfalls ein Campamento von Fray Bartolome de las Casas im Dorf. Viele der Wohnhäuser sind noch notdürftig mit Plastikplanen abgedeckt. Alle haben eine weiße Friedensfahne gehisst.
Es bleibt zu hoffen, daß auch die anderen Flüchtlinge in naher Zukunft in ihre Heimatgemeinden zurückkehren können. Dies bedarf aber langer Verhandlungen und einer beiderseitigen Einigung über einen gerechten Frieden für Chiapas.
