Mein erster Einsatz als internationaler Menschenrechtsbeobachter

Jan 2001

bericht aus chiapasMein erster Einsatz als internationaler Menschenrechtsbeobachter mit der Menschenrechtsorganisation Fray Bartolome de las Casas aus San Cristobal hat mich zusammen mit einem weiteren Deutschen in die Nähe von Ocosingo gefuehrt. Die Gemeinde liegt im Osten des Bundesstaates Chiapas in einem Tal des Tieflandes auf 500 Metern Höhe und am Rande der Selva Lacandona. Das Klima dort ist tropisch mit einem trockenen Winter und einer ausgiebigen Regenzeit im Sommer. Der Boden dort ist sehr fruchtbar und es wachsen viele tropische Früchte. Die Menschen, die dort leben sind Indigenas, Nachfahren der Maya, und gehören zur Ethnie der Tzeltales.

Drei Stunden Fahrt sind es auf einem Pick-Up über eine staubige Schotterpiste bis zur nächsten Stadt Ocosingo. Direkt hinter Ocosingo passiert man eine riesige Kaserne der mexikanischen Armee deren riesige Bundesflagge sicherlich 20 Meter in den Himmel ragt und weithin die Anwesenheit des Heeres signalisiert. Ein weiteres Militaercamp befindet sich versteckt im Busch auf dem Weg in die Gemeinde. Bis vor kurzem gab es dort eine Straßensperre, die die Beobachter in einem mehrstuendigen Fußmarsch weitlauefig umgehen mussten. Der Ort liegt direkt an der Straße, die durch das Tal fuehrt und an einem großen Fluss. Weiter Flussabwaerts liegen noch einige weitere Comunidades und große Militaercamps. Bis 1994 gab es keine Straße und es waren 6 beschwerliche Stunden Fußmarsch durch die Selva bis zur naechsten Straße. Fuer einen Besuch des Marktes in Ocosingo musste man mindestens 2-3 Tage einplanen. Die Straße wurde 1994 von der Armee gebaut und 1995 von der mexikanischen Bundesarmee fuer die große Februaroffensive gegen die EZLN genutzt, in deren Zusammenhang auch die Militaercamps installiert wurden.

Im Dorf leben ca. 250 Menschen. Jede Familie hat ihre eigene Huette und ihr eigenes Stueck Land. Die meisten sprechen Spanisch, nur bei den Frauen ist das manchmal ein Problem. Im Fruehjahr letzten Jahres kamen 8 Fluechtlingsfamilien der Ethnie der Tzotziles aus dem Hochland dazu. Sie stammen aus der Bergregion im Norden San Cristobals und wurden von Militaers und Paramilitaers vertrieben. Sie erhalten einmal im Monat Lebensmittel vom internationalen Roten Kreuz. Die Comunidad wird auch einmal im Monat von einem Arzt des IRK besucht und hat einen Promotor de Salud, der aber keinerlei Medikamente zur Verfuegung hat. Die naechste Klinik ist nur mit dem Auto zu erreichen. Im Sommer gibt es grosse Probleme mit Malaria. Im Dorf sowie im ganzen Tal gibt es weder Strom noch fliessend Wasser. Zum Wasserholen, Waschen und Baden dienen ein Bach und der Fluss. Hauptsaechlich angebaut werden Bananen, Mais, Kartoffeln und Bohnen.

Im Zusammenhang mit dem ersten Auftauchen der EZLN im Januar 1994 und dem Beginn des Aufstandes haben die Bewohner das Land friedlich besetzt und den ansaessigen Grossgrundbesitzer vertrieben. Der betrieb dort eine Rinderzucht mit ueber 2000 Tieren. Zwei Kilometer vom heutigen Dorf entfernt steht die alte heute verfallene Finca, ein kolonialer Prachtbau mit riesigem Garten und ein krasser Gegensatz zu den Holzhuetten der Dorfbewohner. Vor 1994 haben die meisten der Dorfbewohner auf der Finca des Grossgrundbesitzers als Tageloehner gearbeitet. Die Arbeitsbedingungen waren mehr als schlecht. Fuer 9 Stunden Arbeit 6 Tage die Woche wurden 2 € Tageslohn bezahlt. Das Land auf dem die Leute gewohnt haben mussten sie vom Finquero pachten und in Naturalien bezahlen. Gab es eine schlechte Ernte so ist kaum was fuer die Familie uebriggeblieben. Zeit, um das eigene Stueck Land zu bearbeiten, war nur nachmittags nach einem anstrengenden Arbeitstag oder am Sonntag, dem einzigen freien Tag. Die einzige Moeglichkeit einzukaufen gab es im Laden der Finca zu ueberhoehten Preisen. Feste wurden vom Finquero ausgerichtet aber den Arbeitern spaeter vom Lohn abgezogen. So ist ein Grossteil dessen, was der Finquero als Lohn bezahlt hat, direkt wieder in seine Tasche geflossen. Eine Moeglichkeit diesem Kreislauf zu entkommen gab es so gut wie nicht, da diese Situation in anderen Gegenden Chiapas dieselbe war und es fast unmoeglich war, ein eigenes Stueck Land zu bekommen. Durch die kollektive Landbesetzung haben die Dorfbewohner ihre Situation entscheidend verbessert. Sie sind nicht mehr abhaengig vom Willen eines Grossgrundbesitzers und besitzen alle ihr eigenes Stueck Land.

Das Dorf ist Unterstuetzungsbasis der Zapatisten und eine autonome, das heisst regierungsunabhaengige, Gemeinde. Die Bewohner organisieren und verwalten das Dorf in Eigenverantwortung und fuehlen sich dem mexikanischen Staat gegenueber zu nichts verpflichtet. Dies ist die einzige Moeglichkeit ihre eigenen Ideen zu verwirklichen und ihre Kultur zu bewahren. Hilfe von der Regierung lehnen sie kategorisch ab. Dies haengt damit zusammen, dass solch eine Hilfe immer mit bestimmten Bedingungen und Auflagen verknuepft ist. Die Comunidad gehoert mit ca. 40(!) anderen zum Municipio Autónomo San Manuel (aehnlich unserer Verbandsgemeinden). Die Comunidades sind untereinander alle durch Funk verbunden und unterstuetzen sich gegenseitig. Jede Comunidad waehlt einen Delegierten fuer den Rat des Municipio Autonomo. Die Organisation des Dorfes ist basisdemokratisch und auf den allabendlichen Versammlungen wird ueber alles wichtige diskutiert und ueber die Belange des Dorfes entschieden. Sonntags nach der Messe gibt es eine Art Vollversammlung. Die Leute sind in der Mehrheit katholisch und erstaunlich religioes. Leider ist die Beteiligung der Frauen noch sehr gering. Ein gewaehlter Responsable vertritt die Comunidad nach aussen. Die Comunidad hat einen Gemeinschaftsladen und Land, dessen Gewinne der Gemeinschaft zugute kommen. Ist die eigene Ernte schlecht so wird die Ernte der gemeinschaftlich bewirtschafteten Felder gleichmaessig auf alle aufgeteilt. Nachts gibt es Wachtposten an beiden Eingaengen des Dorfes um sich vor moeglichen Uebergriffen der Armee oder der Paramilitaers zu schuetzen. Der mexikanische Staat erkennt die autonomen Gemeinden nicht an und bezeichnet sie als Versuch, sich vom Staat abzuspalten. Fuer die Leute der Ethnie der Tzeltales geht es darum, ihre Identitaet zu wahren, die ihnen immer noch von der mexikanischen Verfassung verweigert wird. Die Autonomie schliesst auch die Selbstorganisation der Schule mit ein. Zwei Maenner des Dorfes sind Promotores de Educación und unterrichten in 2 Gruppen die 40 Kinder zwischen 7 und 10 Jahren. Sie werden dafuer von der Gemeinschaft unterstuetzt. Der Unterricht findet im Gegensatz zu den staatlichen Schulen zweisprachig in Spanisch und Tzeltal, sowie in Tzotzil statt. Ausser ein paar Tischen und Baenken und einer Tafel gibt es in der Schule keine Buecher und kein Material. Die Kinder sind fuer die Materialien auf die Hilfe von aussen angewiesen. Gerade ist ein Schulprojekt einer spanischen Organisation zu Ende gegangen. Es wurden in einem Jahr Leute aus den zapatistischen Gemeinden der Gegend zu Promotores de Educacion ausgebildet und autonome Schulen aufgebaut. Bei unserer Ankunft als Beobachter im Dorf mussten wir uns ausweisen und ein Empfehlungsschreiben der Organisation in San Cristobal vorzeigen. Wir waren per Funk angekuendigt worden. Untergebracht waren wir auf dem Grundstueck einer Familie in einer kleinen Huette. Dadurch, dass wir auch deren Kueche mitbenutzt haben, hatten wir sehr viele Kontakte zu ihnen und haben viel ueber ihr taegliches Leben erfahren. Unsere Aufgabe war vor allem die Militaerkonvois und Patrouillen, die fast taeglich durchs Dorf gefahren sind, zu protokollieren. Anfaenglich haben wir uns immer offen gezeigt. An die Grenzen dessen, was wir uns als Auslaender erlauben duerfen, sind wir gestossen, als wir versucht haben, einen Konvoi zu fotografieren. Wir wurden aufgefordert, dies zu unterlassen, aber die Dorfbewohner haben die Militaers zum weiterfahren aufgefordert, da sie diesen nicht das Recht geben im Dorf anzuhalten. Daraufhin haben wir uns lieber vor der Armee versteckt. Wichtig fuer die Bewohner ist auch das psychologische Schutzgefuehl durch unsere Anwesenheit. Waehrend der 2 Wochen haben wir keinerlei Aktivitaeten von Paramilitaers und anderen staatlichen Kraeften beobachtet. Das Leben mit der Gemeinde verlief sehr harmonisch. Wir hatten viel Zeit, uns mit den Kindern zu beschaeftigen, die dies dankbar angenommen haben.